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Alles digital? Warum Retro-Tech gerade ein Comeback erlebt

Plattenspieler, Kassetten, Sofortbildkameras, alte Handys und sogar Festnetztelefone: Technik, die eigentlich längst abgelöst schien, ist plötzlich wieder interessant. Neue Geräte greifen bewusst alte Designs und Bedienkonzepte auf, teilweise kombiniert mit moderner Technik wie Bluetooth oder USB-C. TechCrunch hat diesem Retro-Tech-Comeback gerade eine ganze Übersicht gewidmet.

Verfasst von
Levin Thiel
Datum

Natürlich steckt darin eine Portion Nostalgie. Aber vielleicht ist das nicht die ganze Erklärung. Denn während unser Alltag immer digitaler, vernetzter und automatisierter wird, wächst gleichzeitig der Wunsch nach Dingen, die wir anfassen, besitzen und bewusst benutzen können.

Wenn weniger plötzlich wieder mehr ist

Spotify hat praktisch jede Musik jederzeit verfügbar gemacht. Smartphones ersetzen Kamera, MP3-Player, Navigationsgerät, Kalender und vieles mehr. Filme, Software und Spiele werden gestreamt oder heruntergeladen. Bequemer war der Zugang zu digitalen Inhalten wahrscheinlich noch nie.

Gleichzeitig verschwindet aber etwas: das physische Produkt. Sony hat beispielsweise angekündigt, die Produktion physischer Discs für neue PlayStation-Spiele ab Januar 2028 einzustellen. Aus einer Sammlung im Regal wird damit zunehmend eine Bibliothek in einem Account. Statt etwas zu besitzen, erhalten wir Zugriff darauf.

Das muss nicht schlechter sein. Aber es fühlt sich anders an. Vielleicht erklärt genau das einen Teil des Retro-Trends. Eine Schallplatte wird aufgelegt, eine Kassette umgedreht und auf einer MiniDisc befindet sich genau die Musik, die man vorher bewusst darauf gespeichert hat. Auch ein Foto aus einer Sofortbildkamera ist nicht nur eine Datei, sondern ein echtes Objekt.

So eine MiniDisc ist übrigens auch bei uns im Büro wieder im Einsatz. Nicht als Deko, sondern um unterwegs Musik zu hören, ohne Spotify, Empfehlungen und permanentes Datensammeln. Und weil die kleinen Discs irgendwo untergebracht werden müssen, haben wir dafür kurzerhand ein Case mit unserem 3D-Drucker produziert. Mehr dazu gibt es in unserem Artikel über 3D-Druck bei network.publishing.

Eine Technologie aus den 90ern trifft auf modernen 3D-Druck. Eigentlich ein ganz schönes Bild für den aktuellen Trend.

Wenn Digitalisierung zum Selbstzweck wird

Gleichzeitig erleben wir an anderer Stelle das genaue Gegenteil. Produkte werden digitalisiert, weil es technisch möglich ist, nicht unbedingt, weil die Bedienung dadurch besser wird.

Ein eher unterhaltsames Beispiel ist der Genesis GV60. In der Mittelkonsole befindet sich eine beleuchtete „Crystal Sphere“. Beim Einschalten des Autos dreht sich die Kugel um und gibt den Gangwahlregler frei. Das sieht spektakulär aus, aber ob ein Gangwahlregler wirklich eine motorisierte Kristallkugel benötigt, darf jeder selbst entscheiden.

Weniger lustig wird es, wenn Digitalisierung die Bedienung komplizierter macht. In vielen modernen Autos sind klassische Schalter und Regler großen Touchscreens gewichen. Funktionen, für die früher ein Griff genügte, finden sich heute teilweise in Menüs und Untermenüs wieder. Was im Showroom minimalistisch aussieht, kann während der Fahrt schnell unpraktisch werden.

Das Thema ist inzwischen auch bei der Fahrzeugsicherheit angekommen. Euro NCAP berücksichtigt stärker, wie klar und einfach wichtige Funktionen während der Fahrt bedient werden können. Dazu gehört auch die Frage, welche häufig genutzten Funktionen über physische Bedienelemente erreichbar sind.

Vielleicht ist der gute alte Knopf manchmal einfach die bessere Technologie. Für uns als Digitalagentur ist das eine interessante Erkenntnis. Gute UX bedeutet schließlich nicht, möglichst viele Funktionen auf einem Display unterzubringen. Gute UX bedeutet, dass Menschen möglichst einfach verstehen, was sie tun müssen.

Vielleicht geht es beim Retro-Trend gar nicht so sehr um Retro. Vielleicht geht es um Kontrolle.

Eine CD gehört mir. Eine MiniDisc funktioniert ohne Account. Ein physischer Knopf braucht kein Menü. Eine Kamera kann ein Bild machen, ohne es automatisch in eine Cloud hochzuladen.

Das bedeutet nicht, dass analoge oder ältere Technik grundsätzlich besser ist. Wer einmal mit gedruckten Straßenkarten durch eine fremde Stadt gefahren ist, wird Google Maps vermutlich nicht freiwillig wieder abgeben. Viele dieser Geräte geben ihren Nutzern aber etwas zurück, das in digitalen Ökosystemen schnell verloren gehen kann: Kontrolle.

Was möchte ich hören, was möchte ich besitzen und welche Daten gebe ich weiter? Vielleicht suchen wir deshalb gar nicht nach der Vergangenheit. Vielleicht suchen wir nach Technik, die wieder etwas klarer, verständlicher und selbstbestimmter wird.

Was das mit TYPO3 und Open Source zu tun hat

Diese Frage endet für uns nicht bei Hardware. Auch bei Websites, Software und digitalen Plattformen geht es um Kontrolle. Wem gehören meine Inhalte und Daten? Wo werden sie gespeichert? Wie abhängig bin ich von einem Anbieter? Und was passiert, wenn sich Preise, Geschäftsmodelle oder technische Rahmenbedingungen ändern?

Genau deshalb beschäftigen wir uns bei network.publishing seit vielen Jahren mit Open Source und TYPO3. Open Source bedeutet nicht automatisch digitale Unabhängigkeit. Offene Systeme schaffen aber wichtige Voraussetzungen dafür: transparente Technologie, weniger Abhängigkeit von einzelnen Herstellern und die Möglichkeit, Systeme selbst zu betreiben, anzupassen und langfristig weiterzuentwickeln.

Beim Government Site Builder 11 sehen wir diesen Gedanken sogar auf Bundesebene. Der Wechsel zu TYPO3 und Open Source ist dort eng mit dem Ziel verbunden, digitale Souveränität zu stärken und Abhängigkeiten von proprietären Lösungen zu reduzieren. Wir wirken selbst an diesem Projekt mit.

Für uns steckt darin auch eine grundsätzliche Haltung zur Digitalisierung. Nicht jede neue Technologie ist automatisch die bessere Lösung. Entscheidend ist, ob sie ein echtes Problem löst, verständlich bleibt und den Nutzern möglichst viel Kontrolle lässt.

Vielleicht ist genau das die interessantere Seite am Retro-Tech-Comeback. Es geht nicht darum, das Rad zurückzudrehen oder alte Technik zu romantisieren. Es erinnert uns vielmehr daran, dass Fortschritt nicht bedeutet, alles möglichst digital, vernetzt und automatisiert zu machen. Manchmal ist Fortschritt auch, zu wissen, wann ein Knopf einfach ein Knopf bleiben darf.